Fachkräfte Deutschland setzt auf Fachkräfte aus Indien

Quelle: dpa 4 min Lesedauer

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Kanzler Scholz hat bei seinem Besuch in Indien für die Zuwanderung nach Deutschland geworben. Denn dem Fachkräftemangel soll mit gezielter Einwanderungspolitik entgegengewirkt werden.

Qualifiziertes Personal aus Indien soll dazu beitragen den Fachkräftemangel in Deutschland zu bekämpfen.(Bild:  DyrElena - stock.adobe.com)
Qualifiziertes Personal aus Indien soll dazu beitragen den Fachkräftemangel in Deutschland zu bekämpfen.
(Bild: DyrElena - stock.adobe.com)

Kanzler Olaf Scholz hat in Indien für den Arbeitsstandort Deutschland geworben. In einem Café im südlichen Bengaluru tauschte er sich mit einem Hochbauingenieur, zwei Maurern und einer Krankenschwester aus, die bald in die Bundesrepublik auswandern wollen – und Scholz versprach bürokratische Hürden für indische Spezialistinnen und Spezialisten abzubauen. Die Bundesregierung sieht in dem Subkontinent ein großes Potenzial, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Immerhin ist Indien die bevölkerungsreichste Nation der Welt mit 1,4 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohnern – und ein Auswanderungsland par excellence mit Hunderttausenden Studierenden und Fachkräften, die jedes Jahr ihr Glück im Ausland suchen.

Zuwanderung aus Indien stieß in Vergangenheit nicht immer auf Zuspruch

Ganz neu ist das deutsche Interesse an indischen Arbeitskräften zwar nicht – früher jedoch tat man sich schwerer damit. Bereits Scholz Vor-Vorgänger Gerhard Schröder wollte mit einer Green-Card-Initiative vor allem Techniker ins Land holen. Richtig in Gang kam die Migration indischer Fachkräfte nicht, unter anderem aufgrund von Gegenwind seitens der CDU.

Inzwischen gibt es ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz sowie ein Mobilitätsabkommen mit Indien, das die Zuwanderung vereinfachen soll. Das deutsche Interesse stößt auf Gegenliebe: Die Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter aus Indien hat sich in den vergangenen drei Jahren fast verdoppelt – auf 129 000. Verglichen mit Zuwanderungsländern wie der Türkei oder Rumänien ist das noch immer wenig, aber die Zahl steigt stetig. Und aus keinem anderen Land kommen heute mehr ausländische Studierende als aus Indien.

Geld ist nicht einzige Motivation nach Deutschland zu kommen

Bei dem Fachkräftetreffen im Café wollte Scholz von den anwesenden Fachkräften wissen, warum sie nach Deutschland wollen. Die Krankenschwester Janeeta Jacob lockt die Work-Life-Balance: „In Indien haben wir viel Stress und wenig Gehalt, aber in Deutschland haben wir wenig Stress und viel Gehalt“. Zudem hofft die 32-Jährige auch für ihre beiden Söhne auf bessere berufliche Aussichten in ihrer neuen Heimat.

Die langfristige Perspektive, sich nach einigen Jahren dauerhaft niederlassen zu können, sei für indische Zuwanderinnen und Zuwanderer beliebt, betont Fachkräfteexpertin Denise Eichhorn von der Deutsch-Indischen Handelskammer in Mumbai. „Auch, dass Ehepartner ohne Probleme einer Anstellung nachgehen können, macht Deutschland für Inderinnen und Inder attraktiver als traditionelle Migrationsländer“.

Trotzdem ist die Bundesrepublik bei Menschen aus der ehemaligen britischen Kolonie bei Weitem nicht die beliebteste Destination. Viel häufiger zieht es sie in Länder, in denen man mit Englisch gut zurechtkommt. In den USA etwa leben und arbeiten mehrere Millionen Inderinnen und Inder, darunter Silicon-Valley-Chefs wie Sundar Pichai von Google oder Satya Nadella von Microsoft. Bei der Bundesagentur für Arbeit erklärt die zuständige Vorständin Vanessa Ahuja: „Langwierige Anerkennungsverfahren, die schleppende Digitalisierung und hohe Sprachanforderungen machen Deutschland nicht immer zur ersten Wahl“.

Migration noch immer eher für Wohlhabende möglich

Auch für Krankenschwester Janeeta Jacob sei ihr erstes halbes Jahr im bayrischen Bad Heilbrunn nicht einfach gewesen. „Ich habe etwas Heimweh, weil ich meinen Mann und die Kinder vermisse“, sagt sie. Sie habe erst kürzlich einen Antrag stellen können, dass ihre Familie zu ihr ziehen kann – nachdem sie eine Anerkennungsprüfung abgelegt und ihr Mann ein Zertifikat über deutsche Sprachkenntnisse vorgelegt habe. Außerdem habe sie die ersten sieben Monate in einem Patientenzimmer in ihrer Klinik gelebt, weil sie keine bezahlbare Wohnung gefunden habe. Dass die Suche nach einer Bleibe schwieriger sei als die nach einem Job, hört auch Fachkräfteexpertin Denise Eichhorn von der Deutsch-Indischen Handelskammer immer wieder. Eine weitere Hürde sei das Geld, das Auswanderungswillige für ein Leben in Deutschland brauchten, sagt sie: Nicht alle könnten sich den Migrationsprozess und einen Sprachkurs leisten. Die, die schließlich aber kämen, könnten mit Ausnahme der IT-Branche meist Deutsch.

Zuwanderer aus Indien haben im Durchschnitt höhere Bildung als jede andere Gruppe

Indische Zuwanderer haben vielerorts einen guten Ruf – und eine hervorragende Ausbildung: 54 Prozent der 129 000 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Inderinnen und Inder in Deutschland arbeiten in Jobs, für die eine Expertenausbildung notwendig ist, heißt es von der Bundesagentur für Arbeit. Unter allen in Deutschland tätigen Menschen ist diese Quote nur etwa halb so hoch. Das schlägt sich auch im Gehalt nieder: Der Median für die Gruppe der indischen Zuwanderinnen und Zuwanderer liegt bei monatlich 5227 Euro. Im gesamtdeutschen Schnitt liegt der Median dagegen nur bei 3646 Euro.

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Aber warum wollen so viele gut ausgebildete Menschen Indien verlassen? Immerhin ist das Land inzwischen die fünftgrößte Wirtschaftsmacht, die viele Investoren anlockt, und mit dem robusten Wachstum könnte der Subkontinent bald die deutsche Wirtschaft überholen. Es gibt dabei einen Haken: Das Wachstum ist ungleichmäßig verteilt und es fehlen Jobs – auch für Menschen mit guter Bildung.

Zudem beträgt das Pro-Kopf-Einkommen laut Weltbank lediglich knapp 2000 Euro – im Jahr. Krankenschwester Janeeta Jacob sagt, sie fände zwar auch in Indien leicht einen Job, habe zuletzt aber nur nur rund 250 Euro im Monat verdient. Und abgesehen von der Bürokratie gefalle es ihr in ihrer Wahlheimat Deutschland sehr gut, sagt sie. Die Leute seien meist freundlich.

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