Wie eine neue Bain-Studie zeigt, verschiebt sich die Wertschöpfung in der industriellen Automatisierung von der Maschinensteuerung in Richtung Software, Daten und KI. KI-gestützte Lösungen sollen bis 2030 einen zusätzlichen Marktwert von bis zu 70 Milliarden US-Dollar erschließen.
In der Automatisierung wird bald nicht mehr die traditionelle Streuerungsebene den größten Profit bringen, sondern Daten, Software und intelligente Geräte.
(Bild: Stefanie Michel)
Die industrielle Automatisierung steht vor einem strukturellen Umbruch – von der klassischen Maschinensteuerung hin zur Orchestrierung intelligenter Systeme. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Industrial Automation: From Control to Intelligence“ der internationalen Unternehmensberatung Bain & Company. Bis 2030 dürften demnach nahezu 50 Prozent der Umsätze im Bereich industrielle Automatisierung auf KI-basierten Angeboten beruhen. Die Wertschöpfung verschiebt sich damit grundlegend in Richtung Software, Daten und künstliche Intelligenz.
Branchenstruktur kippt von der Pyramide zur Sanduhr
In der Folge verändern sich auch Architektur und Gewinnverteilung der Branche: Aus der klassischen „Pyramide“ wird zunehmend eine „Sanduhr“. Künftig werden mehr als 80 Prozent des Profit-Pools an den jeweiligen Enden dieser Struktur liegen: Während Software, Datenplattformen und auf KI-gestützte Ebenen mehr als die Hälfte der Gewinne auf sich vereinen, entfallen weitere 25 bis 30 Prozent auf sogenannte intelligente Feldgeräte – also vernetzte Sensoren, Maschinen und Komponenten, die Daten erfassen, auswerten und in Echtzeit weitergeben.
Die traditionelle Steuerungsebene gerät dadurch spürbar unter Druck. Sie bleibt zwar ein wesentlicher Bestandteil, bildet jedoch nicht länger den profitabelsten Kern der industriellen Automatisierung. Weltweit erzielen Unternehmen, die Daten, Software und intelligente Geräte in großem Maßstab orchestrieren, bereits messbare Effekte. So steigern sie ihre Produktivität um 30 bis 50 Prozent, senken Wartungskosten um bis zu 35 Prozent und verlängern die Lebensdauer ihrer Anlagen.
KI wird zur Voraussetzung für den Marktzugang
„Was sich verändert, ist nicht nur die Technologie, sondern auch, wo im Markt wirtschaftlicher Wert geschaffen wird“, betont Adrien Bron, Bain-Partner und Co-Autor der Studie. „Mit der wachsenden Bedeutung von Software, Daten und intelligent vernetzten Geräten müssen in der industriellen Automatisierung tätige Unternehmen ihre Differenzierungsstrategien neu bewerten und weiterentwickeln. Gleichzeitig gilt es zu klären, wo sie Skaleneffekte und Führungspositionen erreichen und an welchen Stellen sie langfristig Wert schöpfen können.“
Allein KI-gestützte Lösungen könnten bis 2030 einen zusätzlichen Marktwert von bis zu 70 Milliarden US-Dollar erschließen – ein Wachstum von mehr als 20 Prozent. Die Bain-Studie zeigt, dass insbesondere einige wenige Anwendungsfelder wie adaptive Robotik, vorausschauende Wartung und wissensbasierte Systeme einen überproportionalen Anteil an diesem Potenzial haben. Ein Großteil der Wertschöpfung dürfte bereits in den kommenden ein bis fünf Jahren realisiert werden. In diesen Bereichen ist KI längst kein Differenzierungsmerkmal mehr, sondern Voraussetzung für den Marktzugang.
Vertikal spezialisierte Lösungen treiben das Wachstum
Gleichzeitig nimmt der Wettbewerbsdruck branchenweit spürbar zu. Etablierte Wettbewerbsvorteile verlieren schneller an Bedeutung, als viele Anbieter erwarten. Der Druck kommt dabei von beiden Enden der Wertschöpfungskette: Während Hyperscaler und KI-native Unternehmen verstärkt in industrielle Software- und Datenplattformen vordringen, setzen aggressive Hardwareanbieter die Margen bei zentralen Automatisierungskomponenten unter Druck. „Für etablierte Automatisierungsunternehmen ergibt sich daraus ein wachsender Druck von mehreren Seiten“, erklärt Michael Schertler, Bain-Partner und Co-Autor der Studie. „Zugleich sinken die Wechselkosten, da sich Software zunehmend von der Hardware entkoppelt und die Interoperabilität steigt. Die größte Gefahr liegt dabei weniger in einer abrupten Disruption als vielmehr in einer schleichenden Marginalisierung.“
Bis 2030 werden der Bain-Studie zufolge nahezu 60 Prozent des zusätzlichen Wachstums in der industriellen Automatisierung aus vertikal spezialisierten Lösungen stammen, die auf einzelne Branchen zugeschnitten sind. Für Lebensmittel- und Getränkehersteller stehen beispielsweise Rückverfolgbarkeit und Hygiene im Fokus. Batterie- und Automobilhersteller priorisieren hingegen Fertigungseffizienz, Durchsatz und flexible Produktionsumstellungen. Im Bereich Life Sciences wiederum sind Validierung und regulatorische Compliance zentrale Anforderungen – nicht bloße Zusatzfunktionen. „Vor diesem Hintergrund verlagern sich Wachstum und Wertschöpfung zunehmend in Richtung vertikalisierter Lösungen, die Software, Daten und Hardware zu integrierten Gesamtsystemen verbinden“, so Schertler. „Wettbewerbsvorteile entstehen dabei immer stärker durch ein tiefes Verständnis der jeweiligen Branche – und nicht allein durch die Steuerung einzelner Maschinen.“
Stand: 08.12.2025
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Geschäftsmodelle verschieben sich hin zu Lifecycle-Partnerschaften
Mit der zunehmenden Verfügbarkeit kontinuierlicher, datengetriebener Intelligenz verschiebt sich die Wertschöpfung von punktuellen Einzellösungen hin zu langfristigen, am Produktlebenszyklus orientierten Geschäftsmodellen. Unternehmen bevorzugen verstärkt Partner, die über die Inbetriebnahme ihrer Produkte hinaus eingebunden bleiben und die Leistung in Anlaufphase, Betrieb und Optimierung kontinuierlich verbessern. Dies stärkt insbesondere wiederkehrende Geschäftsmodelle und Anbieter, die langfristig Verantwortung für Ergebnisse übernehmen.
„Im Zuge der Entwicklung hin zu autonomen Systemen wird der Wettbewerbsvorteil für Anbieter zunehmend davon abhängen, Software, Daten und intelligente Feldgeräte zu integrierten Gesamtlösungen zu verbinden“, bilanziert Bain-Experte Bron. „Unternehmen, die Intelligenz über Systeme, Prozesse und Ökosysteme hinweg erfolgreich orchestrieren, werden in der nächsten Phase der industriellen Automatisierung die größten Wertschöpfungspotenziale realisieren.“